Montag, 26. Juli 2021

Herrscher der Zeit

 

„Herrscher der Zeit (1982) ist ein französischer Science-Fiction-Zeichentrickfilm von René Laloux (Regie) nach der Novelle L’Orphelin de Perdide („Der Waisenjunge von Perdida“) von Stefan Wul“, sagt die Wikipedia und etwas versteckt erfährt man dann auch noch, dass das Drehbuch von einem gewissen Moebius war … Kenner der Zeichentrickkunst werden an dieser Stelle aufhorchen.

Ich weiß nicht, was mich plötzlich auf den Film brachte, den ich vor vielen Jahren zur Serie zerstückelt im Fernsehen sah. Jedenfalls fand ich, dass es ihn – im Gegensatz zu anderen „Wunschfilmen“ von mir – tatsächlich als DVD gibt und ich bestellte ihn. So kam es, dass ich ihn nun wahrscheinlich zum ersten Mal im Zusammenhang sehen konnte.

Die Geschichte, die der Film erzählt, ist ein wenig seltsam. Ein etwa 5-jähriger Junge bleibt auf einem fremden Planeten namens Perdida allein zurück, nachdem seine Eltern von Rieseninsekten getötet wurden. Sein Vater gab ihm noch ein „Mikrophon“, mit dem er quer durch den Weltraum mit dessen Gegenstück an Bord des Raumschiffes eines gewissen Jaffar reden kann. Dieser sieht aus wie He-Man, ist ein Freund des Vaters und eilt sofort zu Hilfe. Warum man den offensichtlich überlichtschnellen Sender „Mikrophon“ bzw. „Mike“ nennt, wurde mir nicht ganz klar. Vielleicht, weil Kinder mit „Ansible“ nichts würden anfangen können? Jedenfalls muss das Schiff erst mal zu einem bestimmten Planeten, damit es dort den Blauen Kometen treffen kann, der es dann zu der Welt bringt, wo sich der Junge befindet. Auch das ist genaugenommen ziemlich schwachsinnig. Erst einmal holen Captain Jaffar nebst seinen Passagieren (ein Prinz, dessen Schwester (?) und der geklaute Staatsschatz) auf einer ruhig-beschaulichen Welt den alten Silbad ab, weil der sich auf dem Planeten Perdida auskennt. Zwei possierliche und telepathische Nervensägen kommen als blinde Passagiere auch noch an Bord. Man muss auf dem nächsten Planeten, wo man auf den Kometen warten will, notgedrungen landen, weil sich der bekloppte und böse Prinz dorthin abzusetzen versucht. In der Gefangenschaft eines Seelen aussaugenden Monsters läutert der Prinz sich spontan und opfert sich, worauf die gesamte von dem Monster versklavte Bevölkerung wieder geheilt ist.

Na gut, nach ein paar weiteren nicht weniger sinnfreien Abenteuern kommen die Überlebenden bei Perdida an – es gibt einen großen Knall und man ist plötzlich 60 Jahre in der Vergangenheit. Silbad überlebt dieses Ereignis nicht. (Keine Erklärung.) Während man noch denkt, hä, was zum …?, werden die Herren der Zeit erwähnt, die eine bizarre Methode der Besiedelung fremder Welten praktizieren. Wenn ihnen nicht passt, was sie auf einer Welt vorfinden, die sie besiedeln wollen, katapultieren sie diese in die Vergangenheit, terraformen sie und dann passt sie ihnen plötzlich in der Gegenwart. Hä?

Ach ja, während die Herrschaften auf dem Schiff nach ihrem unfreiwilligen Rücktransport von den Herren der Zeit in ihre Super-Raumstation geholt werden, rettet ein völlig Unbekannter den Jungen von Perdida. Schluss-Gag: Silbad ist der Junge …

Die Zeichnungen sind minimalistisch, aber von seltsamer Ruhe und Schönheit. Die Animation kommt ohne viel Dynamik aus. Heute wäre so etwas unmöglich, in diesem fast 40 Jahre alten Film hat es Stil. Man erkennt die Sprecherstimmen von Bruce Willis und Andreas Katsulas (in seiner Rolle als G’Kar auf Babylon 5). Wenn man die etwas hanebüchene Geschichte nicht so sehr beachtet, kann man sich an diesem Moebius-Film durchaus erfreuen.

 

 

Samstag, 11. Juli 2020

The 9/11 Machine


Greg Enslen: The 9/11 Machine
Gypsy Publications, Troy 2015

Bei den Anschlägen vom 11.9.2001 verliert der Physiker Dr. Donald Ellis Frau und Tochter. Also baut er sich eine Zeitmaschine, die ihn zurückschicken kann, lange vor die tragischen Ereignisse. Das ist zwar nicht ganz so einfach, wie es hier klingt, aber er schafft es. Ausgestattet mit Beweisen und genügend Informationen über die Zukunft etabliert er sich als Unternehmer, scheffelt ordentlich Geld und baut eine neue Maschine, während er die Regierung überzeugt, dass seine Warnungen ernst zu nehmen sind. Das gelingt ihm sogar und Maßnahmen werden ergriffen.
Leider geht Dons Unternehmen gründlich schief. Die Anschläge finden trotzdem statt, zeitlich verschoben oder mit anderen Zielen, weil die Attentäter durch die ungeschickten Überwachungsversuche der Behörden gewarnt werden. Und das nicht nur einmal. Es gelingt Don Ellis immer wieder, eine neue und verbesserte Maschine zu bauen, mit der er wieder in die Vergangenheit reist, um es nochmal zu versuchen, aber irgendwie wird alles nur noch schlimmer. Es sind alles neue Zeitlinien, in denen er sich zum Teil selbst begegnet und sein jüngeres Ich zur Zusammenarbeit bewegt. Mal ist es Clinton oder George Bush, mal Dick Cheney, mal Al Gore als Präsident. Sie lassen sich alles irgendwie überzeugen, doch sind es meist die Handlungen danach, die zur Katastrophe führen. Am schlimmsten vermasselt es der anfangs so positiv aussehende Gore. Die USA und ein großer Teil der Welt verwandeln sich in eine radioaktive Wüste. Völlig verstrahlt rettet sich Don in die Zukunft, wo man ihn heilen kann. In einem letzten Versuch – ohne die Regierung einzubeziehen – gelingt es ihm, die Auswirkungen von 9/11 zu begrenzen: auf das, was wir aus unserer Realität kennen, wie man plötzlich merkt.
Das Buch ist ein Wissenschafts-Thriller, der einen nicht mehr loslässt. Es ist haarsträubend, wie detailliert beschrieben wird, was alles anders läuft und zu immer größeren Katastrophen führt. Man erwartet zwar, dass Don es noch schafft, diese Realität zu verlassen, aber es wird jedes Mal knapper. Nebenbei finden wir ein nicht unbeträchtliches Maß an Kritik an den Präsidenten und ihrem Charakter. Obama kommt als Einziger halbwegs gut dabei weg. Wenn das Buch ein paar Jahre später geschrieben worden wäre: Trump … Unvorstellbar, was für eine Apokalypse sich der Autor für den hätte ausdenken mögen.

2020



Samstag, 28. März 2020

Boundary-Trilogie


Eric Flint & Ryk E. Spoor
Boundary / Treshold / Portal
(Baen Books)

Eine hard SF Trilogie, die wohl wenig Chance hat, auf dem deutschen Buchmarkt aufzutauchen – obwohl Eric Flint durchaus kein Unbekannter mehr ist. Mit „1632“ schuf er den genialen Auftakt zu einer Serie, die inzwischen fast unüberschaubar geworden ist und an der sich eine Reihe anderer Autoren beteiligt. Offenbar ist Flint ein Autor, der sehr gut in Kooperationen arbeitet, denn man findet ihn fast nur in solchen.
Die Trilogie wird bei Lesern, die sich gern mit detaillierten Beschreibungen wissenschaftlicher Zusammenhänge und technischer Vorgänge unterhalten lassen, auf Zuspruch stoßen. Andere werden sagen, dass es die Autoren vielleicht hier und dort übertrieben haben. Da die Handlung in der nahen Zukunft spielt, sind die erwähnten Beschreibungen entweder korrekt oder zumindest mit heutigen Erkenntnissen vorstellbar. Eine wichtige Rolle spielt dabei z.B. die Nanotechnologie.
Leider kommen bei all den Fakten die Personen ein wenig zu kurz. Es gibt etwa 5 – 10 Leute, um die es hauptsächlich geht, wobei sich jedoch kaum ein Hauptcharakter findet. Bis auf sehr wenige bleiben die Figuren auch recht blass. Das macht die Lektüre insgesamt schwierig.
Die Handlung beginnt damit, dass Paläontologen die Überreste eines außerirdischen Wesens finden, das die Erde zur Zeit der Auslöschung der Dinosaurier besuchte. Es ist schon interessant, auf welche Probleme sie dann in der wissenschaftlichen Welt stoßen. Aber schließlich wird die Entdeckung akzeptiert.
Dann findet man im Zuge der Erforschung des Mars auf dem Phobos eine halb zerstörte Basis derselben Außerirdischen und damit geht es dann Schlag auf Schlag. Scheinbar hatten diese Wesen überall im Sonnensystem Stützpunkte, von denen einige noch halbwegs intakt gefunden werden.
Genau das ist das Problem, denn es beginnt ein Wettlauf, diese Orte zu finden und in Besitz zu nehmen. Nicht so sehr zwischen Staaten, eher sind es die privaten Raumfahrtunternehmen, die versuchen, das Rennen um die außerirdische Technologie zu machen. Es kommt sogar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen im Weltraum. In deren Folge stranden die Überlebenden zweier Raumschiffe am Ende des zweiten Bandes auf dem Jupitermond Europa.
Letzten Endes bekommen sie eines der Schiffe wieder hin und kehren zur Erde zurück, nicht ohne vorher in den Tiefen des Europa-Ozeans unter dem Eis Nachfahren der Außerirdischen entdeckt zu haben.
Eins schafft man mit der fortwährenden Beschreibung wissenschaftlicher Forschung und von technischen Details: Fast alles wirkt glaubhaft. Ich konnte mich nur mit der Idee nicht so recht anfreunden, dass man notgedrungen ein 65 Millionen Jahre altes Raumschiff der Aliens wieder flugbereit machen kann, um das andere Schiff zum Jupiter zu verfolgen.
Was übrigens nicht vorkommt, ist so etwas wie ein Stargate – der Titel „Portal“ des dritten Bandes ist da ein wenig irreführend. Ein solches finden die Raumfahrer nirgends.
Also SF im Stile Hogans vielleicht, mit viel science, angereichert mit Wirtschaftsspionage, Raumfahrttechnik und der einen oder anderen Beziehungskiste.

2015